Alter der Gezeit
Zeit zwischen Voll- oder Neumond und dem Eintreten der Springtide an einem Ort. Relevant für Tidenplanung, da größter Tidenhub oft erst Tage später auftritt.
Was bedeutet „Alter der Gezeit“ genau?
Das Alter der Gezeit beschreibt den zeitlichen Nachlauf der Gezeitenreaktion eines Reviers auf die astronomische Anregung durch Sonne und Mond. Obwohl Springtiden astronomisch mit Syzygien (Vollmond/Neumond) zusammenhängen, treten maximaler Tidenhub und oft auch die stärksten Strömungen lokal nicht zwingend am selben Tag auf, sondern verzögert.
In vielen Gezeitenkalendern und nautischen Quellen wird das Alter der Gezeit als Anzahl von Stunden oder Tagen angegeben. Teilweise werden getrennte Werte für Spring- und Nipptide geführt, weil auch das Minimum des Tidenhubs (Nipptide) zeitlich versetzt auftreten kann.
Nautische Bedeutung für Segler
Warum ist der Zeitversatz wichtig?
Für die Praxis zählt nicht, wann Voll- oder Neumond ist, sondern wann im konkreten Revier der größte Tidenhub erreicht wird. Mit Springtiden steigen die Hochwasser höher und die Niedrigwasser fallen tiefer; dadurch ändern sich Wassertiefen, Trockenfallzeiten, Durchfahrtshöhen und die Sicherheitsreserven unter dem Kiel.
Auch die Tidenströme sind häufig um Springtide herum am kräftigsten. Wer Tidenfenster (z.B. Barre, Seegatt, Schleusen- oder Hafenansteuerung) plant, muss deshalb wissen, ob „die Spring“ im Revier schon da ist oder erst in ein bis zwei Tagen kommt.
Wodurch entsteht das Alter der Gezeit?
Meere und Ästuare reagieren träge: Reibung, Beckenform, Resonanzen, flache Bereiche, Strömungswiderstände und die Ausbreitung der Gezeitenwelle führen dazu, dass sich das Maximum des Tidenhubs räumlich und zeitlich verschiebt. In einigen Revieren ist der Nachlauf klein, in anderen kann er deutlich sein.
Wo findet man Angaben dazu?
Je nach Revier wird das Alter der Gezeit in nautischen Tabellenwerken, Tidenkalendern, Revierführern oder in erläuternden Hinweisen von Hydrographischen Diensten erwähnt. In der konkreten Törnplanung sind verlässliche lokale Hoch- und Niedrigwasserzeiten aus amtlichen Tidekalendern jedoch meist wichtiger als der Mondkalender allein.
Praxis an Bord: So wird der Begriff genutzt
Planungsbeispiel
Angenommen, ein Tidenhafen fällt bei Niedrigwasser teilweise trocken und die Einfahrt ist bei Springniedrigwasser besonders kritisch. Liegt das Alter der Gezeit bei etwa zwei Tagen, kann das niedrigste Wasser nicht am Neumondtag, sondern erst zwei Tage später auftreten. Für die Entscheidung, ob ein Ausweichhafen nötig ist, ob eine Ansteuerung nur um Hochwasser sinnvoll ist oder ob Wartezeiten entstehen, ist dieser Versatz entscheidend.
Typische Fehler in der Navigation
- Springtide direkt auf Voll-/Neumond legen und daraus falsche Tiefen- oder Strömungserwartungen ableiten.
- Nur den Tidenhub betrachten, aber die oft ebenfalls veränderten Strömungsspitzen um Springtide herum unterschätzen.
- Mit „Mondkalenderwissen“ planen statt mit lokalen Hoch-/Niedrigwasserzeiten und den zugehörigen Kartennullen/Bezugspegeln.
Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen
Springtide und Nipptide
Springtide bezeichnet die Gezeiten mit maximalem Tidenhub, Nipptide die mit minimalem Tidenhub. Das Alter der Gezeit beschreibt den zeitlichen Versatz, wann diese Maxima/Minima am Ort tatsächlich auftreten.
Mondzeitlicher Hochwasserabstand (Lunitidalintervall)
Der mondzeitliche Hochwasserabstand ist die Zeitdifferenz zwischen dem Monddurchgang (Meridianpassage) und dem folgenden Hochwasser an einem Ort. Er ist ein anderer Versatz als das Alter der Gezeit und bezieht sich nicht auf Spring/Nipp, sondern auf die tägliche Kopplung von Mondstand und Hochwasser.
Merksatz für die SKS-Prüfung
Alter der Gezeit bedeutet: Spring (und oft auch Nipp) kommt lokal zeitversetzt nach Voll- oder Neumond an, daher immer mit lokalen Tidedaten statt nur nach Mondphase planen.