Definition
Vorfahrt im Sinne der Seeschifffahrtsstraßen-Ordnung gilt nur für ein im Fahrwasser fahrendes oder dem Fahrwasserverlauf folgendes Fahrzeug. Andere Fahrzeuge müssen mit ihrem Vorhaben warten, bis das vorfahrtberechtigte Fahrzeug vorüber ist.
Vorfahrt einfach erklärt
Die Vorfahrt ist eine Besonderheit der SeeSchStrO und hat kein Gegenstück in den Kollisionsverhütungsregeln. Beide gelten nebeneinander: Die KVR gelten im gesamten Geltungsbereich der SeeSchStrO innerhalb und außerhalb der Fahrwasser, soweit die SeeSchStrO nicht ausdrücklich etwas anderes bestimmt. Die Vorfahrt ist genau so ein Fall – die speziellere Vorschrift geht der allgemeineren vor.
Der Begriff hat zwei Seiten. Vorfahrt haben gilt nur im Fahrwasser: Fahrzeuge, die einlaufen, dort drehen oder an- und ablegen wollen, müssen warten. Vorfahrt beachten begründet eine Wartepflicht. Wer sie hat, muss rechtzeitig durch sein Fahrverhalten erkennen lassen, dass er warten wird, und darf nur weiterfahren, wenn er übersehen kann, dass die Schifffahrt im Fahrwasser nicht beeinträchtigt wird. Nötigenfalls muss er Kurs und Geschwindigkeit ändern.
So begegnet dir die Vorfahrt an Bord
Du kommst aus einer Marina und willst in ein betonntes Fahrwasser einlaufen, in dem ein Frachter aufkommt. So verhältst du dich:
- Klären, ob du überhaupt im Fahrwasser bist. Es umfasst die Wasserflächen, die durch Lateralzeichen begrenzt oder gekennzeichnet sind.
- Als Einlaufender hast du die Vorfahrt zu beachten – du musst warten, bis das Fahrwasser frei ist.
- Das Warten sichtbar machen: Fahrt herausnehmen oder aufstoppen, sodass der andere dein Verhalten früh erkennt.
- Erst weiterfahren, wenn du übersehen kannst, dass du die Schifffahrt im Fahrwasser nicht beeinträchtigst.
- Dasselbe gilt, wenn du einen Ankerplatz oder Liegeplatz verlässt.
Ein zweiter Fall ist das Queren. Queren bedeutet deutliches Abweichen vom Fahrwasserverlauf – nach allgemeiner Verkehrsmeinung mehr als 10 Grad, etwa wenn ein Segelfahrzeug über die gesamte oder auch nur einen Teil der Fahrwasserbreite kreuzt. Wer quert, folgt dem Fahrwasserverlauf nicht mehr und hat damit keine Vorfahrt. Für Kreuzschläge in einem befahrenen Fahrwasser ist das die entscheidende Erkenntnis.
Das musst du für die SKS-Prüfung wissen
- Vorfahrt haben gilt nur für Fahrzeuge, die im Fahrwasser fahren oder dem Fahrwasserverlauf folgen.
- Vorfahrt beachten begründet eine Wartepflicht, die durch das Fahrverhalten rechtzeitig erkennbar sein muss.
- Einlaufende sowie Fahrzeuge, die den Anker- oder Liegeplatz verlassen, müssen warten, bis das Fahrwasser frei ist.
- Queren heißt deutliches Abweichen vom Fahrwasserverlauf, nach allgemeiner Verkehrsmeinung mehr als 10 Grad.
- Segelfahrzeuge, die im Fahrwasser nicht deutlich dessen Richtung folgen, weichen untereinander nach den KVR aus – solange sie vorfahrtberechtigte Fahrzeuge dadurch nicht gefährden oder behindern.
Typische Fehler
- Vorfahrt mit Wegerecht nach KVR verwechseln – Vorfahrt gibt es nur nach SeeSchStrO und nur im Fahrwasser.
- Beim Aufkreuzen im Fahrwasser annehmen, man folge dessen Verlauf; wer quert, hat keine Vorfahrt.
- Warten wollen, es aber nicht zeigen – die Wartepflicht verlangt ein rechtzeitig erkennbares Fahrverhalten.
- Als Vorfahrtberechtigter alles andere ignorieren; die Pflichten aus den KVR und der guten Seemannschaft bleiben bestehen.
Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen
| Begriff | Unterschied |
|---|---|
| Ausweichpflicht (KVR) | Gilt überall zwischen zwei Fahrzeugen; Vorfahrt gilt nur im Fahrwasser nach SeeSchStrO. |
| Vorfahrt beachten | Die Wartepflicht – die Kehrseite von Vorfahrt haben. |
| Queren | Deutliches Abweichen vom Fahrwasserverlauf; beendet die Vorfahrtberechtigung. |
| Fahrwasser | Der räumliche Geltungsbereich, in dem Vorfahrt überhaupt existiert. |
Kurz gemerkt
Vorfahrt gibt es nur im Fahrwasser und nur nach SeeSchStrO. Wer einläuft, ablegt oder quert, wartet – und muss das Warten sichtbar machen. Vorfahrt haben heißt nicht, alles andere ignorieren zu dürfen.
Häufige Fragen
Was ist ein Fahrwasser im Sinne der SeeSchStrO?
Fahrwasser sind die Teile der Wasserflächen, die durch Tonnen – also laterale Zeichen – begrenzt oder gekennzeichnet sind. Wo das nicht der Fall ist, sind es auf den Binnenwasserstraßen die Flächen, die für die durchgehende Schifffahrt bestimmt sind. Außerhalb dieser Flächen gibt es keine Vorfahrt.
Wie kreuze ich ein Fahrwasser auf, ohne zu behindern?
Beim Kreuzen folgst du dem Fahrwasserverlauf nicht deutlich, hast also keine Vorfahrt. Untereinander weichen Segelfahrzeuge dann nach den KVR aus – aber nur, solange sie dadurch vorfahrtberechtigte Fahrzeuge nicht gefährden oder behindern. Praktisch heißt das: Schläge so legen, dass Berufsschifffahrt freie Bahn behält.
Fragen aus dem SKS-Fragenkatalog
- Erläutern Sie den Begriff „Vorfahrt haben“.
- Erläutern Sie den Begriff „Vorfahrt beachten“.
- Wie hat sich ein in das Fahrwasser einlaufendes Fahrzeug gegenüber im Fahrwasser fahrenden Fahrzeugen zu verhalten?
- Wie hat sich ein den Ankerplatz oder Liegeplatz verlassendes Fahrzeug gegenüber im Fahrwasser fahrenden Fahrzeugen zu verhalten?
- Was bedeutet „Queren eines Fahrwassers“ im Sinne der SeeSchStrO?
- Wie haben Segelfahrzeuge in einem Fahrwasser der SeeSchStrO untereinander auszuweichen, wenn sie nicht deutlich der Richtung eines Fahrwassers folgen?
- Wo und unter welcher Bedingung gelten im Geltungsbereich der SeeSchStrO die KVR?
- Was sind Fahrwasser im Sinne der SeeSchStrO?